Es ist schon ein wenig ironisch. In unserer Branche sprechen wir ständig über Content, Algorithmen, KI und Reichweite. Wir diskutieren darüber, wie wir den nächsten viralen Hit landen und welche Formate gerade besonders gut funktionieren. Aber wir vergessen, warum Social Media überhaupt groß geworden ist. Der eigentliche Kern von Social Media war nicht der Content, es war die Community. Die Möglichkeit, dass Unternehmen und Menschen auf Augenhöhe miteinander sprechen können.
Früher war genau das die Königsdisziplin im Social-Media-Marketing. Gute Social-Media-Arbeit bedeutete nicht, möglichst viele Views einzusammeln oder den perfekten Algorithmus-Hack zu finden. Gute Social-Media-Arbeit bedeutete, Menschen und Unternehmen miteinander ins Gespräch zu bringen und einen direkten Austausch zu ermöglichen. Genau diese Idee und Funktion hat Social Media von klassischen Medien unterschieden.
Deshalb freue ich mich sehr über den neuen Community Kodex, der versucht, diesen Kern wieder mehr in den Fokus zu rücken. Die Initiative wurde unter anderem von Vivian Pein angestoßen, die viele von euch durch ihr Buch „Social Media Manager*in“ kennen dürften und die das Berufsbild über viele Jahre entscheidend mitgeprägt hat.
Der Kodex kommt aus meiner Sicht genau zur richtigen Zeit, denn Community-Management wird in vielen Unternehmen noch immer nicht ernst genug genommen. Da werden große Summen in Content-Produktion, Kampagnen und Creator-Kooperationen investiert. Gleichzeitig wird Community-Management aber häufig als operative Nebentätigkeit betrachtet. Die Kommentare beantwortet man, wenn gerade Zeit ist. Oder vielleicht auch gar nicht. Für klare Regeln und Prozesse fehlt das Budget. Und die Menschen, die sich täglich mit Fragen, Kritik oder auch Hasskommentaren beschäftigen, müssen diese fordernde Aufgabe häufig zusätzlich zu ihren eigentlichen Tätigkeiten erledigen.
Dabei ist Community-Management alles andere als eine Nebensache. Eine aktive Community hilft ganz konkret dabei, die eigenen Ziele zu erreichen. Menschen, die sich gesehen und ernst genommen fühlen, interagieren häufiger mit Inhalten. Sie kommen zurück, beteiligen sich an Diskussionen und empfehlen Inhalte weiter. Sie werden zu Fürsprecher*innen einer Marke. Und sie senden Signale an die Plattformen. Kommentare, Diskussionen und wiederkehrende Interaktionen sind bis heute wichtige Faktoren für die Verbreitung von Inhalten. Wer in Community-Management investiert, investiert deshalb nicht nur in Beziehungen, sondern häufig auch in die Sichtbarkeit seiner Inhalte. Wer also auf Reichweite setzt, sollte sich nicht nur mit Content beschäftigen, sondern auch mit den Menschen, die diesen Content kommentieren, teilen und weitertragen.
Am Community-Kodex gefällt mir vor allem aus einem Grund: Er formuliert keine überzogenen Forderungen. Er verlangt nicht, dass Unternehmen ihre gesamte Organisation umkrempeln oder neue Abteilungen aufbauen. Der Kodex beschreibt vielmehr die Basislinie dessen, was professionelles Community-Management heute sein sollte. Klare Regeln, respektvolle Kommunikation, definierte Verantwortlichkeiten und der Schutz der Menschen, die Communities betreuen, sollten eigentlich selbstverständlich sein.
Deshalb wünsche ich mir, dass möglichst viele Unternehmen und Organisationen den Community Kodex nicht nur unterschreiben, sondern ihn auch leben. Wer Social Media ernst nimmt, sollte auch Community-Management ernst nehmen. Denn Community-Management ist kein nettes Extra und keine Aufgabe für nebenbei. Es ist einer der Gründe, warum Menschen Social Media überhaupt nutzen.
Einige bekannte Unternehmen und Organisationen haben sich bereits zum Kodex bekannt. Und eigentlich sollte jedes Unternehmen, das Social Media ernst nimmt, diesen Kodex unterschreiben können. Ich unterstütze ihn auf jeden Fall.


