Hate Speech im Social Web: Die Zahl der Hasskommentare im Netz wächst stetig und viele Marken und Unternehmen schauen weg. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Ressourcen fehlen und Zuständigkeiten unklar sind. Die Folge: Communitys ziehen sich zurück, Räume für Debatte und Dialog verschwinden.
Der neue Community-Kodex will das ändern. Er gibt Social Media Verantwortlichen acht Leitlinien für wirkungsvolles Community Management an die Hand, von klaren Zuständigkeiten bis zum Umgang mit Grenzüberschreitungen.
Endlich gibt es einen Community Kodex!
Feed und Fudder 76 – Quo vadis Community Management (Vivian Pein)
Plädoyer für mehr Haltung in der Kommentarspalte
Transkript Feed und Fudder Podcast 87 – Hate Speech & Community Kodex
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Hier gibt es das Transkript zu Folge 87 – Hate Speech & Community Kodex
Transkript
Nicola
Hallo und Servus zu einer neuen Folge Feed und Fudder mit Alex und mir, der Nici. Hallo Alex.
Alexander
Hallo, herzlich Willkommen.
Nicola
Wir reden heute über ein Thema, das nicht nur uns beschäftigt, sondern aktuell unsere ganze Gesellschaft. Social Media ist nicht nur ein Business‑Thema, sondern ein gesellschaftliches Thema. Es geht um Hate Speech und vor allem darum, wie wir uns dagegen wappnen können – als Unternehmen, als Social‑Media‑Manager. Und wundert euch nicht, wenn hier kleine Geräusche sind. Alex, du siehst es, aber Baby hängt mir auch am Mikro.
Alexander
Ich bin’s nicht, aber wir sind heute zu dritt. Wir haben noch einen goldigen kleinen Gast dabei. Ist ja süß.
Nicola
Wenn hier Babygeräusche sind, die kleine Maus will auch was dazu sagen. Es geht ja auch um die Zukunft. Es geht darum, wie wir im Netz miteinander umgehen. Die Zukunft denkt hier auch am Mikro mit. Hate Speech. Wie geht es dir damit? Wir hatten es schon öfter drüber: Als Social Media Manager ist man zwiegespalten zwischen „Ich liebe Social“ und „Social ist super gefährlich“.
Alexander
Ich bin schon so lange dabei und trotzdem schreckt es mich immer wieder neu, wie viel Hass im Internet unterwegs ist, vor allem im Social Web. Inzwischen gibt es ganze Hate‑Industrien, Accounts, die gezielt Hass säen, um damit Geld zu verdienen. Das ist furchtbar, aber da sehe ich zumindest das Geschäftsmodell dahinter. Am schlimmsten finde ich die Verrohung der Privatkommentare. Verliert deine Lieblingsfußballmannschaft ein Spiel, wird Spielern gedroht, sie umzubringen.
Passt jemandem ein Model nicht, heißt es „du sollst sterben“. Scroll doch einfach weiter, wenn dir was nicht passt. Und erschreckend ist, wie viele das unter Klarnamen machen. Du klickst auf das Profil und siehst einen Familienvater mit drei Kindern im Urlaub. Diese Verrohung und die Bereitschaft, solche Dinge öffentlich zu posten – die Hemmschwelle ist weg.
Nicola
Deswegen ist es ein gesellschaftliches Thema. Als Social Media Manager liest man das direkt und hat die Pflicht, einzuschreiten. Das kann super belastend sein. Ich habe viele Jahre Community‑Management im Sport gemacht. Es gibt Kommentare, die sind so unterirdisch, dass sie strafrelevant sind. Strafanzeige stellen ist ein Thema, aber wie du sagst: Menschen machen es, wenn es geht. Wenn man auf der Straße jemanden nicht beleidigen darf, aber online schon, dann tun Menschen es. Im Netz ist es super einfach. Klarnamen haben nie wirklich geschützt. Was wir tun müssen: diese Räume schützen.
Die Plattformen sind in der Pflicht, diese Räume sicher zu halten, damit die Power von Social Media erhalten bleibt. Hate Speech zerstört so viel. Menschen, die gute Meinungen haben oder diskutieren wollen, können es nicht mehr. Deswegen ist man gezwungen, etwas zu tun. Ich verstehe Unternehmen und Privatmenschen, die sagen: Ich habe keine Lust darauf. Ich möchte keine Energie dafür verwenden, diese Räume zu schützen, also mache ich gar nichts. Aber das löst das Problem nicht.
Alexander
Ich verstehe, warum Markenunternehmen sich zurückziehen. Bestes Beispiel: X, früher Twitter. Ich war ein riesiger Fan von Twitter. Es war das schnellste Medium für News. Bei Live‑Events konntest du sofort mit der Community interagieren. Wer sich erinnert: ranNFL auf ProSieben, die lebhafte Community, die besten Tweets kamen in die Sendung. Seit es X ist, ist Hate Speech ein Geschäftsmodell. Wer viel Hass publiziert, kann Geld verdienen. Der Exodus von X zeigt, wie viele Marken gegangen sind. Wenn ich Unternehmen berate, sage ich: X können wir aus der Strategie streichen. Der Raum ist unattraktiv geworden. Solche Communities wie ranNFL gibt es dort nicht mehr, weil die Leute weg sind.
Und als Exkurs: Als Social Media Manager bekommt man viel ab. Man sieht schlimme Dinge, die man nicht leicht verkraftet. Was ich nicht verstehe: Unternehmen lassen ihre Mitarbeitenden oft allein. Gerade bei Hass ist das nicht einfach zu verarbeiten. Unternehmen sollten ein Umfeld schaffen, in dem Social‑Media‑Verantwortliche offen darüber sprechen können. Es braucht Beratungsmöglichkeiten, Gespräche, Unterstützung. Das macht etwas mit dir, wenn du solche Nachrichten liest. Du kannst nicht einfach den Laptop zuklappen und Feierabend machen. Es belastet dich über die Arbeitszeit hinaus. Es ist unverantwortlich, wenn Unternehmen da keine Unterstützung anbieten.
Nicola Da kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Wir hatten Anfang des Jahres die Folge mit Vivian Pein zum Thema Community‑Management. Quo Vadis Community‑Management war das Thema. Vivian hat angedeutet, dass man Leitlinien für Unternehmen entwickeln will. Und jetzt ganz frisch haben Vivian Pein, Oliver Saal und Teresa Sündermann den Community Kodex initiiert.
Nicola
Und der Community‑Kodex ist ein verbindlicher Kodex für Unternehmen und Privatpersonen, die sagen: Wir wollen Community‑Management professionalisieren. Wir wollen, dass es gewisse Standards gibt in der Pflege der Community. Dieser Community‑Kodex ist freiwillig, aber es ist wie ein Ehrenkodex im Handwerk: Man kommt an einen Punkt, an dem man sagt, wir versuchen es. Wir versuchen, professioneller zu werden und Hate Speech Paroli zu bieten. Das finde ich gut. Lass mal schauen, was die Leitlinien sind und ob wir sie für Feed und Fudder erfüllen würden.
Alexander
Genau.
Nicola
Super viele Accounts.
Alexander
Ich würde davor noch anmerken: So ein Kodex ist hilfreich, weil andere sehen, dass sie nicht allein mit der Problematik sind. Er hilft, Maßnahmen anzustoßen und umzusetzen. Vielleicht hat vorher einfach der Impuls gefehlt, und da kann der Community‑Kodex ein wertvoller Impuls sein.
Nicola Hinweis: Ihr könnt einfach googeln, communitykodex.de. Relativ simple URL, da findet ihr alle Informationen. Hintergrund ist auch, dass Kommentarspalten ein zentraler Ort der öffentlichen Meinungsbildung sind. In einer demokratischen Gesellschaft ist es extrem wichtig, dass freie Meinungsbildung gewährleistet ist. Das ist ein zentraler Punkt, unabhängig vom Business.
Side Note. Jetzt lass mal reingehen. Warum wir den brauchen, ist logisch. Aktuell haben 37 Organisationen unterschrieben, 61 individuelle Personen unterstützen ihn. Es gibt zwei Arten von Leitprinzipien: verantwortungsvolle Moderation und Schutz der Community‑Managerinnen. Genau das, was wir gesagt haben. Ich finde gut, dass der Schutz der Mitarbeitenden explizit einen großen Raum bekommt.
Alexander
Das sind vier Paragrafen, also die Hälfte. Der Community‑Kodex umfasst acht Paragrafen, vier davon beziehen sich speziell auf den Schutz von Community‑Managerinnen. Das ist wertvoll. Ich finde es wichtig, dass Unternehmen, die Community‑Management machen, verstehen: Community‑Management ist nicht nur Business. Am Ende wollen wir alle Geld verdienen, klar. Aber Community‑Management sollte nicht aus einer reinen Business‑Perspektive betrachtet werden. Es geht darum, eine Plattform zu schaffen, auf der sich eine Community frei, wohl und sicher austauschen kann. Wenn man darüber die eigene Marke stärkt, ist das schön, aber Community‑Management sollte nicht nur dem Business dienen.
Nicola
Ja, es ist immer wieder Diskussion in Unternehmen: Wie kriege ich einen Return on Investment, wenn ich Community‑Manager anstelle? Die Frage kann man nicht eins zu eins beantworten. Es gibt keinen direkten ROI. Es ist schwer zu berechnen. Trotzdem ist es super wichtig. Der Sinn von Social Media ist keine Einbahnstraße. Die Power von Social ist die Kommentarspalte und der Austausch. Deswegen ist es so wichtig, das zu schützen. Gehen wir mal rein. Wir schauen, ob wir das erfüllen würden.
Nummer eins: Die Menschenwürde, Schutz vor Diskriminierung und ein vielstimmiger Austausch sind die Basis unserer Moderation. Es geht darum, dass die Grundprinzipien der demokratischen Gesellschaft gewahrt werden. Menschenwürde. Hört sich lapidar an, man denkt: Natürlich. Wenn wir auf LinkedIn posten und mit unserer Community diskutieren, würde ich sagen, wir wahren die Menschenwürde. Der Witz ist aber: Wie du sagst, bei X oder bei manchen Individuen, die nach einem WM‑Spiel Spielern das Menschenleben absprechen – das ist gar nicht selten. Menschenwürde wird oft nicht eingehalten.
Alexander
Man muss sagen, wir haben eine tolle Community. Unsere Community besteht aus Social Media Managerinnen und Managern. Wir versuchen, thematische Vielfalt abzudecken. Deswegen haben wir viele unterschiedliche Gäste. Wir wollen die ganze Bandbreite der Menschen im Social‑Media‑Management abdecken. Das ist uns bei der Gastauswahl wichtig.
Nicola
Wenn ihr im Social unterwegs seid und euer Thema Gehör verschaffen wollt, könnt ihr uns gern schreiben. Wir freuen uns über Input. Auf jeden Fall: Die Diskussion soll fair und menschenwürdig stattfinden. Hört sich logisch an, ist aber wichtig.
Nummer zwei: Wir zeigen deutliche Präsenz in der Kommentarspalte und unterstützen erwünschtes Verhalten. Viele Unternehmen erfüllen diesen Punkt nicht. Sie zeigen keine Präsenz und pushen keine positiven oder diskussionsfördernden Beiträge.
Alexander
Community‑Management darf man nicht als Aufgabe begreifen, die man fünf Minuten zwischendrin macht. Community‑Management ist ein eigener Job. Man darf nicht unterschätzen, wie viel Zeit das einnimmt. Gerade durch die Verbreitung von Social Media. Letzte Woche hatten wir den Digital News Report: Social Media ist für viele Menschen die wichtigste Nachrichtenquelle und der erste Berührungspunkt mit Öffentlichkeit und Marken. Community‑Management nicht unterschätzen.
Nicola
Verantwortungsvolle Moderation ist sichtbar und gestaltet Räume aktiv mit. Das ist voll die Power. Und ich finde spannend zu sehen, dass dieser Kodex bedeutet: Wenn ich ihm folge, verpflichte ich mich als Unternehmen oder Agentur, aktiv Community‑Management zu machen. Und das heißt: Ich muss Ressourcen freischaffen. Aus Business‑Sicht bedeutet Punkt 2: Ressourcen schaffen für Community‑Management. Wir sanktionieren menschenfeindliche Kommentare und Codes konsequent. Was heißt sanktionieren? Was verstehst du darunter?
Alexander
Es gibt viele Codes, zum Beispiel Emojis, die viele nicht kennen. Ich fände es gut, wenn es dazu eine Übersicht gäbe. Ein bekannter Code ist der Kugelschreiber. Der bezieht sich auf die Verschwörung, das Anne‑Frank‑Tagebuch sei gefälscht, weil angeblich ein Kugelschreiber benutzt wurde, den es damals nicht gab. Oder das blaue Herz, das oft mit der AfD verbunden wird. Aber wenn ein Unternehmen blau als Corporate Design hat, nutzen manche das blaue Herz völlig harmlos. Es ist nicht leicht, sich in diesen Codes zurechtzufinden. Es kommen ständig neue dazu, andere verschwinden. Manche versteht man nur, wenn man in solchen Gruppen unterwegs ist.
Ich bin bei LinkedIn konsequent: Ich sehe immer mehr Verschwörungstheorien, gerade zum Ukraine‑Krieg. Sowas lösche ich sofort aus meinem Netzwerk. Ich habe keine Lust, sowas zu sehen. Wenn ich eine Verschwörungstheorie sehe, ist der Kontakt für mich sofort gelöscht.
Nicola
Ja, das nimmt sehr zu. Es macht keinen Spaß. Am Ende geht es um Konsequenz. Sanktionieren heißt: Es muss eine Konsequenz folgen, wenn menschenfeindliche Kommentare auftauchen. Und das heißt auch: Ich muss es überprüfen. Man muss Kommentare prüfen, Entscheidungen überprüfen, anpassen und die Moderationspraxis kontinuierlich verbessern. Das heißt auch: Brauche ich Tools dafür? Aus Business‑Sicht: Punkt 2 war Ressourcen schaffen, Punkt 3 heißt: Schaffe ich das händisch oder brauche ich Tools, Hilfsmittel?
Alexander
Unternehmen sollten dafür auch Budget für Weiterbildung haben. Community‑Management braucht Weiterbildung.
Nicola
Und natürlich eine Leitlinie fürs Team. Das kann man im Workshop erarbeiten oder sich Hilfe holen. Man muss wissen: Ab wann sanktionieren wir? Was sind unsere Ampel‑Moves? Wann ist rote Laterne? Das muss vorher definiert sein.
Dann: Wir achten auf die Außenwirkung von dem, was stehen bleibt. Wichtig: Sichtbarer Inhalt. Was darf in der Kommentarspalte stehen bleiben und prägt die Wahrnehmung der Mitlesenden? Das ist eine Moderationsentscheidung, die man vorher diskutieren sollte.
Alexander
Das ist der schwierigste Punkt im Community‑Management. Es muss intern gut diskutiert werden. Wenn man zu kritisch ist, blockt man irgendwann alles ab. Wir sind beide genervt von Verschwörungstheorien auf LinkedIn. Irgendwann löscht man nur noch. Aber nicht alles ist böse gemeint. Ironie funktioniert schriftlich oft nicht. Manches ist nicht böse, nur schlecht formuliert. Es ist schwierig zu entscheiden, was wirklich Hate Speech ist, wenn es nicht eindeutig ist. Wenn jemand schreibt „Ich bring dich um“, ist es eindeutig.
Aber Codes wie das blaue Herz sind schwierig. Manchmal ist es einfach Corporate Design. Wenn man sagt: Wir löschen konsequent das blaue Herz, kann das falsch sein. Es gibt viele Graustufen. Manche können sich nicht gut ausdrücken. Ein Kommentar wirkt plump, ist aber nicht böse gemeint. Wenn man zu viel löscht, wirkt es wie Zensur. Das gefällt keiner Community.
Deswegen ist nicht nur aktives Community‑Management wichtig, sondern auch, dass man Ziele und Vereinbarungen offen mit der Community kommuniziert. Man sollte regelmäßig erklären: Das ist unsere Etikette. Das sind die Kriterien, nach denen wir löschen. Transparenz ist wichtig. Wir wollen nicht zensieren, sondern eine schöne Community schaffen, an der alle teilhaben können.
Nicola
Ja, ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, dieses Abwarten als Zensur, weil das kommt super schnell. Diese Argumentation kommt auch immer sehr genau aus einer gewissen Ecke: „Das ist Zensur. Ihr macht Zensur. Ihr lasst nur die guten Sachen stehen, die euch helfen.“ Da muss man aufpassen. Manche Unternehmen oder Politiker lassen wirklich nur Schönwetter‑Posts stehen. Das ist nicht Sinn der Sache. Man muss mit Feingefühl ran, und es entsteht eine Dynamik. Man muss sich da ranarbeiten. Es ist nicht in Stein gemeißelt. Heutzutage ist viel mehr möglich stehen zu lassen als vor ein paar Jahren. Der Tonfall ist rauer geworden, die Freundlichkeit hat gelitten. Heute ist vieles normal, was man früher nicht hätte stehen lassen.
Alexander
Deswegen sollte man nicht nur interne Leitlinien für Hate Speech haben, sondern auch für Kritik. Kritik unter der Gürtellinie kann gelöscht werden. Aber wenn Kritik ernst gemeint ist, wenn jemand mit einem Produkt nicht zufrieden war und sich sachlich ausdrückt, ein Problem schildert – das zu löschen kann der Marke schaden. Sachliche Kritik besser nicht löschen, sondern sachlich und fachlich antworten.
Nicola
Genau. Neben den Prinzipien der Moderation geht es im zweiten Teil um den Schutz der Community‑Managerinnen und Manager. Das ist ein total wichtiger Punkt. Vier Prinzipien beschäftigen sich explizit damit. In der Ausführlichkeit habe ich das bisher noch nicht gesehen. Wenn Unternehmen, Agenturen oder Privatpersonen sich verpflichten, ist das eine echte Innovation. Ich kenne das nicht, dass man so klar sagt: Ich schütze meine Mitarbeitenden. Das ist ein starkes Statement. Wir können jetzt mal reden, ob wir das für uns machen. Wir haben nicht so viel Hate Speech, das ist der Vorteil. Aber die Frage ist: Kann ich dich schützen oder kannst du mich schützen?
Alexander
Das Problem ist größer. Wir kennen alle diese Stellenanzeigen: Eine Social‑Media‑Position soll alles machen – PR, SEO, Online‑Marketing, Digital‑Marketing. Man muss die Disziplinen ernst nehmen und aufsplitten. Man kann nicht alles in eine Position packen. Das ist unmöglich. Community‑Management sollte eine eigene Stelle sein. Klar, das ist eine Kostenfrage. Man kann überlegen, ob man es extern löst. Es gibt externe Community‑Tools. Community‑Management ist wichtig, egal wie hoch das Budget ist. Community‑Management ist eine eigenständige Aufgabe und muss so geplant werden.
Nicola
Darauf zielt das Prinzip ab. Man muss eingrenzen: Du sagst eine eigene Stelle. Das kommt darauf an. Wenn ich eine Ein‑Person‑Abteilung bin, kann ich keine eigene Stelle schaffen. Aber zu erkennen, dass es eine eigenständige Disziplin ist und ab einer gewissen Größe relevant wird, ist wichtig. In der Beschreibung steht: Das Aufgabengebiet verankern wir in der Struktur der Organisation und binden es in strategische sowie operative Entscheidungsprozesse ein. Die Verantwortlichkeiten müssen klar definiert und verbindlich geregelt sein.
Es ist nicht „geh nochmal über die Kommentare“, sondern eine ernsthafte, wertgeschätzte Aufgabe. Früher hieß es Zuschauer‑Support oder Audience‑Development. Es muss nicht Community‑Management heißen, aber klar sein, dass es eine eigene Aufgabe ist. Es kann Ressourcen geben, die nur das machen. Oder es geht bei kleineren Accounts in einer Stelle mit auf. Aber es muss klar sein, dass es eine Aufgabe ist. Unsere Accounts haben keine eigene Stelle dafür. Das geht wirtschaftlich nicht.
Alexander
Fleißig abonnieren.
Nicola
Wer weiß, vielleicht in Zukunft. Keine Ahnung. Wir werden sehen. Es geht um klare Entscheidungskompetenz. Community‑Manager müssen klar entscheiden können, wie moderiert wird, und es muss Verbindlichkeit geben. Das ist in vielen Unternehmen nicht der Fall. Dann: Das Community‑Management statten wir mit adäquaten Ressourcen aus. Jetzt kommen wir zum wichtigen Punkt.
Alexander
Also ich finde hier Fortbildung, Weiterbildung, gerade diese Themen mit Codes, Gruppendynamiken, Szene‑Communities. Wir hatten im Blogbeitrag auch Reddit, das Marken‑Reddit‑Sturm‑Thema. Wenn du Community verstehen willst, musst du ihre Sprache sprechen und brauchst Zeit, Teil einer Community zu werden. Community‑Management, da ist die wichtigste Ressource tatsächlich die Zeit. Und die Möglichkeiten für Fortbildung und Weiterbildung. Und die allerwichtigste Ressource: Beratung, Gesprächsmöglichkeiten, damit die Leute, die Hasskommentaren ausgesetzt sind, nicht allein sind. Das ist für mich das Allerwichtigste im Community‑Management.
Nicola
Genau, also personell, zeitlich und technisch angemessen ausgestattet. Technisch auch: Manchmal geht es nicht, alles händisch zu machen. Vielleicht hast du ein Tool, das dir viel wegfiltert und hilft. Dann brauchst du personell weniger Ressourcen oder hast Zeitvorteile. Man muss schauen, wie das Setup ist. Das heißt aber: Ich muss mich damit beschäftigen, wie viel Arbeit ich habe.
Bei Medienunternehmen, wo viel Politik oder Sport Thema ist, hast du wahnsinnig viele Kommentare. Das schaffst du nicht händisch. Da brauchst du ein Tool. Bei einem Unternehmen mit weniger Resonanz geht es manuell. Das muss man abwägen. Wichtig sind auch Arbeitsbedingungen: Pausenregelung, Arbeitszeit, Schutz vor psychischer Belastung. Auch das ernst nehmen.
Dann kommen wir zum siebten Punkt: Qualität und Wissen sichern wir systematisch. Das hört sich selbstverständlich an, aber Community‑Management ist oft „machen wir nebenher“. Das soll nicht der Fall sein. Definition, Leitlinien und so weiter sollen verbindlich dokumentiert werden, damit Qualitätsstandards erfüllt werden.
Alexander
Finde ich wichtig. Da taucht das Wort Moderationspraxis auf. Moderationspraxis lernt man mit der Zeit. Man sollte Erfahrungen als Leitlinie aufschreiben, gerade wenn man eine Vertretung braucht oder jemand das Unternehmen verlässt. Dann ist es gut, wenn alles standardisiert und schriftlich fixiert ist. Moderationspraxis sollte man anpassen, verbessern, optimieren, damit nicht Kritik gelöscht wird, die angemessen formuliert ist. Die Gefahr ist groß, dass Kritik zu schnell gelöscht wird. Wenn man die Moderationspraxis festhält und regelmäßig einübt, kann man das verhindern.
Nicola
Auch hier wieder: Fachwissen zur Verfügung stellen. Kontinuierlich Qualifizierungen weiterentwickeln. Fortbildung, rechtliche Grundlagen, technische Möglichkeiten. Es geht um Professionalisierung und darum, Wissen zu standardisieren und nicht zu verlieren. Wenn jemand das Unternehmen verlässt, fängt man sonst bei null an. Oder es gibt Schwankungen im Moderationsstil. Zum Beispiel der Tonfall: Wie reagiere ich als Unternehmen?
Zu welchen Themen reagiere ich? Wie ist mein Tonfall? Wie spreche ich mit der Community? Community‑Management ist Beziehungsarbeit über viele Jahre. Gute Community‑Manager kennen ihre Pappenheimer. Sie wissen, wer regelmäßig da ist. Das ist das Schöne. Das hat Potenzial. Aber wenn jede Woche jemand anderes moderiert, ohne Wissen zu teilen, verliert man diese Chance.
Nicola
Dann: Wir etablieren klare Meldeketten, Routinen und Entscheidungshilfen. Alles, was ihr schon mitgeschwungen habt, ist genau das. Routineaufgaben sollen Abläufe haben, Zuständigkeiten, Eskalationswege. Ich weiß noch aus der Praxis: Jahrelang gab es das im Medienhaus nicht. Kannst du dich erinnern, als der Anschlag in Paris war, während die Nationalmannschaft gespielt hat? Das war für mich der Wendepunkt.
Nicht nur im Community‑Management, sondern allgemein für die Medienplattform. Wie reagieren wir darauf? Werbeschaltungen mussten blockiert werden. Du kannst nicht neben so einer Meldung „Valentinstag in Paris – viel Liebe“ stehen haben. Das geht heute nicht mehr. Heute musst du Eskalationswege haben. Viele Jahre gab es das nicht. Wir haben viele Themen, die super schnelllebig sind. Thema Leihmutterschaft zum Beispiel – das geht so schnell.
Wir haben im WhatsApp‑Chat geschrieben, was gerade auf Social abgeht, und innerhalb weniger Stunden gab es einen Rücktritt. Solche Dinge passieren ganz schnell und ausschließlich auf Social Media. Die Dynamik ist wahnsinnig schnell geworden.
Alexander
Genau. Die Dynamiken auf Social Media werden immer schneller und schwappen aus dem virtuellen Bereich in den echten Bereich. Community ist der erste Ort, wo sowas passiert, wo sich Dynamiken entwickeln, wo ein Shitstorm entsteht, wo sich etwas Bahn bricht. Deswegen hat Community‑Management eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Wir hoffen, dass der Community‑Kodex dieses Thema aus dem Nischendasein holt, in dem es bei vielen Unternehmen noch steckt, und den Tätigkeiten und Menschen dahinter mehr Sichtbarkeit verleiht.
Nicola
Auf jeden Fall. Acht Leitlinien, und man muss sich das genau anschauen, weil dahinter Ressourcen stehen. Es stecken Dinge dahinter, die man wirklich umsetzen muss. Als Unternehmen fände ich es gut, wenn man sich auf den Weg macht. Vielleicht kann man nicht alles sofort umsetzen, aber sich zu hinterfragen, ob wir das tun oder tun wollen, ist der richtige Schritt.
Alexander
Genau. Man muss nicht von heute auf morgen jeden Punkt umsetzen. Es reicht, den Kodex als Gedankenanstoß zu nutzen und zu schauen, wie man Community‑Management anpassen und optimieren kann. Wie man zusätzliche Ressourcen schaffen kann. Oder sich überhaupt zum ersten Mal bewusst damit auseinandersetzt.
Nicola
Deswegen werbe ich für diesen Kodex.
Alexander
Ich finde es total hilfreich, dass er ins Leben gerufen wurde.
Nicola Wenn euch das Thema interessiert, dann Werbung für die Folge Anfang des Jahres mit Vivian Pein, Quo Vadis Community‑Management. Und wir sind am Ende. Wir können aber noch einen kleinen Mini‑Ausblick machen: Was hat uns geschmeckt und was nicht diese Woche.
Ich hatte es schon angedeutet: Leihmutterschaft. Du weißt, was ich meine. Es geht um Jens Spahn. Unser WhatsApp‑Chat ist exemplarisch. Ich habe das Thema über Social Media mitbekommen. Alles, was ich dazu gehört habe, kam über Social. Es war noch nicht in Leitmedien. Ich habe es auf Instagram gesehen und dann sehr schnell Inhalte von CDU‑Kreisverbänden angezeigt bekommen, denen ich nicht folge. Der Feed hat mir das extrem schnell zugespielt: Rücktrittsforderungen. Ich habe dir das geteilt und gesagt: Oh oh, da geht was los. Kleine Kreisverbände haben sich positioniert und gesagt, das geht nicht, da muss man konsequent sein. Unser WhatsApp‑Chat zeigt, wie schnell das ging.
Alexander
Ja, ich habe dir dann auch geschickt, was ich erlebt habe. Als Jimmy Carter gestorben ist, war das Internet plötzlich voll mit dem Simpsons‑Ausschnitt, in dem seine Statue mit der Marge‑Simpson‑Frisur enthüllt wird. So habe ich vom Tod von Jimmy Carter erfahren. Das zeigt, wie schnell Social Media ist und wie sehr sich Communities, Social‑Media‑Kultur und Geschwindigkeit vermischen.
Nicola
Deswegen: gesellschaftlich relevant. Und noch ein Meme‑Trend: Trump is everywhere. Jeder, der die WM verfolgt hat, hat mitbekommen, dass beim Siegesfoto der Spanier Infantino versucht hat, Trump von der Bühne zu locken, und er einfach stehen geblieben ist. Er steht auf dem Jubelfoto, im Konfettinebel, völlig deplatziert, als wäre er reingefotoshopt. Das Video, wie Infantino ihn runterbitten will, ist herrlich. Er bleibt stehen: Hier ist doch die Action. Das ist jetzt das Meme, das durch Social Media geht. Ich finde es witzig. Das ist Social Media, wie wir es lieben.
Alexander
Ich finde es auch irre und lustig. Vielleicht das erste Meme, bei dem die Person selbst Spaß daran hat, zum Meme zu werden. Trump wird überall reinkopiert, und ich glaube, das gefällt ihm.
Nicola
Ja, und es wirkt gar nicht unrealistisch. Bei den Beatles kann man sagen: Fake News. Aber bei manchen Bildern denkt man: Könnte auch gewesen sein. Ein lustiges Meme. Manche Dinge muss man mit Humor sehen. Damit sind wir am Ende der Folge. Sie ging länger als erwartet, aber es war ein wichtiges Thema. Alex, ich wünsche dir eine schöne Woche.
Alexander Ich dir auch.
Nicola
Wir hören uns, und hier ist ein Baby wach geworden zum Thema. Tschüss.
Alexander Tschüss.
Nicola
Hat genau gepasst. Tschüss, macht’s gut.


